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BACURAU (Brasilien 2019)

von André Becker

Original Titel. BACURAU
Laufzeit in Minuten. 132

Regie. JULIANO DORNELLES . KLEBER MENDONCA FILHO
Drehbuch. JULIANO DORNELLES . KLEBER MENDONCA FILHO
Musik. MATEUS ALVES . TOMAZ ALVES SOUZA
Kamera. PEDRO SOTERO
Schnitt. EDUARDO SERRANO
Darsteller. BARBARA COLEN . THOMAS AQUINO . UDO KIER . SONIA BRAGA u.a.

Review Datum. 2020-04-28
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Ein abgelegenes, unter Wasserknappheit leidendes brasilianisches Dorf, das von einer Gruppe bis an die Zähne bewaffneter Killer aus dem weit entfernten Ausland ins Visier genommen wird um dort eine Art Menschenjagd zu veranstalten. Das klingt nach rabiater B-Movie-Kost, die im besten Falle anspruchsloses aber zumindest kurzweiliges Guilty-Pleasure-Vergnügen bereithält. Einen Film der Arthouse-Regisseure Juliano Dornelles und Kleber Mendonca Filho (AQUARIUS) erwartet man bei so einer grobschlächtigen Story nicht unbedingt.

BACURAU unterläuft die an ihn gestellten Erwartungen dabei gleich in mehrfacher Hinsicht. Als Genre-Film mag man die brasilianische Produktion nämlich auch nicht wirklich einordnen. Die hier präsentierte Geschichte arbeitet zwar zweifellos mit vertrauten Genremustern, integriert diese allerdings erst sehr spät und dann meist eher beiläufig in den Verlauf der Handlung. Die erzählerischen Schwerpunkte des Films liegen in anderen Bereichen und Kontexten.

BACURAU ist vor allem ein Film über die Einwohner eines kleinen Dorfes, ihre Beziehungen untereinander, ihre Schrulligkeit und ihren unbändigen Willen sich nicht unterbuttern zu lassen. Dornelles und Mendonca Filho thematisieren auf der Meta-Ebene dabei auch das große Ganze. Ihr Film ist daher ebenfalls als ein Kommentar auf die brasilianische Gesellschaft und die soziale Schieflage, in der sich diese befindet, zu lesen.

Starke Kontraste zwischen Innen und Außen fungieren als Dreh- und Angelpunkte. Auf der einen Seite die bunt zusammengesetzte, multikulturelle Dorfbewohnerschaft, die sich trotz ärmlicher Verhältnisse einen scheinbar paradiesischen Ort geschaffen haben. Mitten im staubigen Nirgendwo. Fernab von Urbanisierung und den Entgrenzungsprozessen eines entfesselten Turbokapitalismus. Auf der anderen Seite die von Udo Kier angeführten Eindringlinge, die mit grenzenloser Arroganz als Herrscher über Leben und Tod auftreten und die nicht ohne Grund habituell und optisch als Mischung aus Großwildjäger, IT-Nerd und Hipster angelegt sind. Die Verweise auf Kolonialismus und Faschismus sind überdeutlich und werden in ihrer Wirkung auch durch die temporär eingebauten satirischen Einschübe nicht ausgebremst.

Obwohl das Drehbuch bei den Figuren (insbesondere bei den Mitgliedern des Killerkommandos) mitunter zu sehr in Klischees abrutscht und dies nicht in jedem Fall als absichtliche Überzeichnung markiert, liegt eine der zentralen Stärken des Films in der Vielschichtigkeit der Charaktere. Auffallend ist, dass Dornelles und Mendonca Filho die Diversität der Dorfbewohner als vollkommen natürlich darstellt. Der Film macht dabei nicht den Fehler dieses Merkmal zu bemüht herauszustellen. Die generationenübergreifende Zusammensetzung der Figuren (Normalos, Gangster, durchgeknallte Mediziner, Prostituierte, Nudisten) gerät nie zum Selbstzweck, sondern bildet die Basis für eine ganze Reihe unterschiedlich aufgebauter Figurenportraits. Diese werden mal laut und überdreht, mal ruhig und zurückgenommen und ab und an lediglich als skizzenhafter Rahmen dargereicht. Das diese stark figurenzentrierte Auseinandersetzung mit dem Dorfmikrokosmos ebenfalls Momente enthält, die weniger fesselnd geraten sind und deren Funktion für den Handlungsverlauf diffus erscheint, kann man dem Film vorwerfen, bleibt alles in allem für die Gesamtbetrachtung aber ein verschmerzbares Manko.

BACURAU ist kein Film, der pädagogisch wertvoll sein will. Die Dorfbewohner sind Menschen aus Fleisch und Blut, in ihren Handlungen zeigen sich alle Facetten menschlicher Verhaltens- und Reaktionsweisen. Als Antwort auf die externe Bedrohung bleibt nur das Zurückschlagen. Der Kampf mit allen Mitteln, der im Film in kurze aber heftige Gewaltausbrüche mündet. Dornelles und Mendonca Filho arbeiten hier sowohl mit Andeutungen als auch mit exzessiven Splatter-Momenten, die das Publikum kalt erwischen dürften.

BACURAU bleibt insgesamt gesehen stets unberechenbar. Während der Film sehr lange lediglich das Dorftreiben beobachtet und in diesem Kontext sehr genau die vielen kleinen Details des Zusammenlebens in den Blick nimmt, gehorcht die Dramaturgie irgendwann einer völlig freidrehenden Genrefilm-Logik (inklusive allseits vertrauter Gefahrensituationen), die mit einer deutlichen Steigerung des Tempos einhergeht. Der sprunghafte Inszenierungsstil der Regisseure erweist sich trotz des durchaus langwierigen und manchmal ein wenig zäh dahinfließenden Handlungsaufbaus schlussendlich aber eher als Vorteil und weniger als Nachteil. Das Spiel mit der Ungewissheit, welche Richtung der Film einschlägt und vor allem wie er dies tut, erfordert natürlich auf Seite der Rezipienten ein gewisses Maß an Aufgeschlossenheit gegenüber den bewussten Brüchen mit filmischen Konventionen.

Zweifellos ist BACURAU unterm Strich ein schwer greifbarer, schwierig fassbarer Film, der die Schubladen in die man ihn einordnen könnte so schnell und nachdrücklich wieder schließt, wie er sie öffnet. Gerade dies macht aus diesem vielfach ausgezeichneten Film aber ein besonderes Erlebnis. Keineswegs in allen Punkten perfekt, aber immer angenehm zupackend und mit klarer Haltung inszeniert. Und ganz nebenbei bemerkt: Udo Kier war schon lange nicht mehr so gut wie hier.

Aktuell ist BACURAU beim Streaminganbieter MUBI zu sehen.











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