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A TOUCH OF SIN (China 2013)

von Björn Lahrmann

Original Titel. TIAN ZHU DING
Laufzeit in Minuten. 133

Regie. JIA ZHANG-KE
Drehbuch. JIA ZHANG-KE
Musik. GIONG LIM
Kamera. YU LIKWAI
Schnitt. MATTHIEU LACLAU . XUDONG LIN
Darsteller. WU JIANG . ZHAO TAO . LANSHAN LUO . BAOQUIANG WANG u.a.

Review Datum. 2014-01-15
Kinostart Deutschland. 2014-01-16

Wie es sich für einen Film von Jia Zhang-ke (oder eigentlich allen asiatischen Arthouse-Größen der letzten dreißig Jahre: Hou, Yang, Tsai) gehört, beginnt A TOUCH OF SIN mit einem jungen Mann auf einem Motorrad. Eher ungehörig ist, dass er eine Waffe im Hosenbund trägt und nicht zögert, sie auch zu benutzen: Drei unglückselige Angreifer werden quietschenden Reifens verfolgt und hinterrücks exekutiert mit gestrecktem Arm und Eastwoodblick - ein Auftakt, der mehr als nur a touch of cool verströmt. Und als müsste man der Eiseskälte ein wenig Zunder entgegensetzen, explodiert im nächsten Moment der Erdboden.

Bei den meisten sogenannten "Neuen Wellen" der Kinogeschichte ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie vom neutral beobachtenden Sozialrealismus bei der Genre-Aneignung landen. Speziell das Milieu der Crime Fiction dient seit jeher als Speicher von "niederem" Weltwissen, das sich gut mit dem Projekt verträgt, so etwas wie Wahrheit, Wirklichkeit, deren Ränder und Risse abzubilden. Jia allerdings, der sich zuletzt immer stärker dem Dokumentarischen zugeneigt hatte, gibt den generischen Codes des badass cinema dabei deutlich mehr Freiraum als etwa hierzulande die Berliner Schule: Statt sie der in seinem bisherigen Werk etablierten Welt einzuverleiben, lässt er sie darin Amok laufen.

Und zwar buchstäblich: A TOUCH OF SIN erzählt vier Geschichten von Menschen, denen Unrecht widerfährt und die sich nicht anders zu helfen wissen als mit Akten entfesselter Gewalt. Ausgangsmaterial für das Drehbuch waren in bester Kolportagetradition Zeitungsmeldungen aus ganz China, eine Blutspur, die der Film stoisch von Nord nach Süd verfolgt. Die Gerade der Bewegung ersetzt die dramaturgische Kurve, statt herkonstruierter Berührungspunkte und Sinnzusammenhänge entspulen sich die vier Episoden in einem Teufelskreis aus struktureller Wiederholung (Demütigung, Demütigung, Slaughterhouse) und topographischer Differenz (Landschaftsprofile, Arbeitsverhältnisse, regionale Dialekte); dazwischen vermitteln entwaffnend simple, universelle Sinn- und Affektbilder: Eine Schlange kreuzt den Weg, ein Pferd wird geschlagen, ein Theatertrupp führt Moritaten auf.

Jia versetzt mit anderen Worten grundverschiedene Darstellungsrepertoires produktiv in Reibung: Rächernarrative nach Shaw-Brothers-Bauart (der Titel ist an King Hus Wuxia-Klassiker EIN HAUCH VON ZEN angelehnt) treffen auf polemisch überhöhte soziale Gegebenheiten, also Armut, Korruption, Ausbeutung etc., bis es unweigerlich knallt. Dienen derlei Splattereruptionen im Kunstkino gemeinhin als überraschende Schock- oder, fies formuliert, Auflockerungsmomente in Konflikten, die genausogut in passivem Leid hätten ausgesessen werden können, erscheinen sie hier als zwingende Notwendigkeit - sowohl qua fatalistischer Genresetzung ("Tschechows Pistole") als auch, weil es im China, das und wie Jia es zeigt, die einzig mögliche Form zivilen Aufbegehrens ist.











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