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THE ARTIST (Frankreich/Belgien 2011)

von Rajko Burchardt

Original Titel. THE ARTIST
Laufzeit in Minuten. 100

Regie. MICHEL HAZANAVICIUS
Drehbuch. MICHEL HAZANAVICIUS
Musik. LUDOVIC BOURCE
Kamera. GUILLAUME SCHIFFMAN
Schnitt. ANNE-SOPHIE BION . MICHEL HAZANAVICIUS
Darsteller. JEAN DUJARDIN . BÉRÉNICE BEJO . JOHN GOODMAN . PENELOPE ANN MILLER u.a.

Review Datum. 2012-01-04
Kinostart Deutschland. 2012-01-26

Was selbst der nicht-cinephile Mensch weiß: Die Ablösung des Stummfilms durch Musik, Sprache und Geräusche separat aufzeichnende Produktionen Ende der 1920er-Jahre brachte nicht nur die (ton)ästhetische Erweiterung, sondern kostete auch unzählige Größen des Kinos die Karriere. Der Selektionsprozess im Umbruch der Filmherstellung forderte beides, große Gesten und Stimmen, im von Einwanderern kultivierten Hollywoodland vorzugsweise akzentfrei. Eine eigentlich spannende Herausforderung für "den Künstler", wäre der Kampf gegen neue Gesichter und attraktive Präsentationsformen des Tonfilms für viele von ihnen nicht bereits vorzeitig entschieden gewesen. Wer die Autoumstrukturierung der Filmstudios am Vorabend ihrer Goldenen Ära überstand, schaute in eine verheißungsvolle Zukunft ("Garbo talks!"). Andere gerieten in Vergessenheit, nahmen sich das Leben oder starben verarmt.

Zahllose Geschichten können aus dieser entscheidenden filmgeschichtlichen Umwälzung heraus erzählt werden, THE ARTIST von Michel Hazanavicius entscheidet sich für die offensichtlichste. Ein Stummfilmstar wird abgeschrieben, verliert Ansehen und Reichtum, um zuletzt erstarrt vor Verzweiflung in den Lauf einer Pistole blicken zu müssen. Nur die Liebe einer ehemaligen Statistin und nunmehr Tonfilmgröße bleibt dem mittellosen Kinostar von gestern, ehe der selbst weitgehend dialogfreie und stilecht in 1,37:1 kadrierte Film eine Brücke mit Aussicht baut und sich dann doch noch um die ganz großen Kritikerphrasen verdient macht: Eine Liebeserklärung, eine Ode, eine Hommage an das Kino, ein Plädoyer für irgendwas mit Film.

Als der (Titel gebende?) Silent-Movie-Star in seinem stillen Kämmerlein noch einmal die eigenen Werke abspielt, sehnt er sich verständnis- wie ratlos die Tage seines vergangenen Ruhmes herbei. Unweigerlich erinnert diese Szene an Gloria Swansons großen Moment in Billy Wilders SUNSET BOULEVARD, ein Film, der in wenigen Minuten mehr über die künstlerische Opferschaft und Rigorosität des Filmgeschäfts im Studiokino von einst vermittelt als THE ARTIST in 100 recht langweiligen Minuten. Selbst noch im spielerisch-burlesken Kontext eines SINGIN' IN THE RAIN, der hier ebenso in die Verweismangel gerät, werden die komischen wie bitterernsten Facetten des Umbruchs um einiges profunder geschildert. Und was nur mag Hazanavicius veranlasst haben, das Finale seines Films minutenlang mit Bernard Herrmanns berühmter "Scene d'Amour" (VERTIGO) zu überstreichen – einem Motiv, das nicht nur eindeutig belegt ist, sondern dessen Verwendung in diesem Kontext filmhistorisch nicht den allergeringsten Sinn ergibt.

THE ARTIST zeigt nichts, das man nicht schon wüsste, und nebst seiner oberflächlichen Thematisierung wünscht man sich vergeblich, dass er den industriellen und persönlichen Umbruch, den er da zu zeigen glaubt, auch wirklich einmal problematisieren würde. Die Art, wie dieser Film konzeptionell mangelhaft und inszenatorisch unausgegoren in Erscheinung tritt, mag durch Witz, Charme und auch eine mitunter spürbare Liebe zum technischen Material goutierbar gemacht werden, doch was THE ARTIST letztlich über Kunst und Künstler oder über das Stumm- und Tonfilmkino sagen möchte, das bleibt diffus. Aber vielleicht hat Hazanavicius Dialog- und Sprachlosigkeit auch gar nicht durcheinander bringen, sondern seinen Film schlicht als leicht abstrakte Tragikomödie im Stummfilmgewand drehen wollen – ohne Metadiegese, aber mit ganz viel Gimmick. Wie eine Liebeserklärung ans Kino halt.











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