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ANTLERS (USA 2020)

von André Becker

Original Titel. ANTLERS
Laufzeit in Minuten. 99

Regie. SCOTT COOPER
Drehbuch. SCOTT COOPER . HENRY CHAISSON . NICK ANTOSCA
Musik. JAVIER NAVARRETE
Kamera. FLORIAN HOFFMEISTER
Schnitt. DYLAN TICHENOR
Darsteller. KERI RUSSELL . JESSE PLEMONS . JEREMY T. THOMAS . GRAHAM GREENE u.a.

Review Datum. 2021-10-27
Kinostart Deutschland. 2021-10-28

Mit insgesamt sechs Regiearbeiten ist die Karriere von Scott Cooper zwar noch überschaubar, nichtsdestotrotz zeigen diese Filme, dass Cooper ein äußerst vielseitiger Filmemacher ist, der sein Handwerk versteht. Egal ob Biopic (CRAZY HEART), Thriller (BLACK MASS) oder Western (HOSTILES - FEINDE), der Regisseur bewies stets das richtige Händchen für die Umsetzung der Stoffe und das nötige Feingefühl für die Ausarbeitung der teils schweren Themen hinter den Geschichten. Dementsprechend gespannt durfte man sein, wie Cooper einen Horrorfilm inszeniert und ob er es schafft das hohe Niveau seiner bisherigen Arbeiten zu halten.

ANTLERS erzählt die Geschichte der Lehrerin Julia Meadows (Keri Russell), die mit großem Engagement in einer Schule in Oregon arbeitet. Abseits ihrer Arbeit führt sie ein abgeschiedenes Leben, dass von tiefen Wunden und Verletzungen in ihrer Kindheit und Jugend gezeichnet ist, die sie im Schlaf immer wieder aufschrecken lassen. Als Julia bemerkt, dass einer ihrer Schüler, der verschlossene und emotional schwer zugängliche Lucas (Jeremy T. Thomas), zusehends auffälliger wird, versucht sie zunächst mithilfe der Schulleitung herauszufinden, in welcher familiären Situation der Junge lebt. Schnell wird dabei klar, dass Gefahr im Verzug ist und ein hohes Maß sozialer Verwahrlosung vorliegt. Julia beschließt den Jungen aufzunehmen und holt ihn zu sich nach Hause.

Spätestens ab diesem Punkt der Geschichte schwenkt der Film, der vorher eher als Sozialdrama funktionierte, stärker in das Horror-Genre und rückt die entsprechenden filmischen Elemente und Themen deutlich(er) in den Vordergrund. Lucas ist nämlich nicht nur ein Kind aus ausgesprochen prekären Lebensverhältnissen, sein Leben wird auch von einem alles verschlingenden Geheimnis bestimmt, das droht sein gesamtes Umfeld ins Verderben zu reißen. Cooper vermeidet dabei bereits zu Beginn jegliches Rätselraten und zeigt sehr früh die Bedrohung, die Lucas Vater sukzessive in eine monströse Kreatur verwandelt. Ein Wesen, dass bald für Angst und Schrecken sorgt und dessen Blutdurst unstillbar scheint.

Bis es soweit ist und die ersten Einwohner der Stadt verschwinden und als zerfledderte Überreste im Wald auftauchen dauert es allerdings eine ganze Weile. Cooper nimmt sich Zeit für seine, glücklicherweise nicht am Reißbrett entwickelten, Charaktere und beleuchtet mit großer Sorgfalt die Innenwelten seiner Figuren. Es sind tiefsitzende Traumata, die alle handlungsbestimmenden Personen seelisch belasten und die der Regisseur auch auf der symbolischen Ebene in den Bildern einer scheinbar komplett toten und seelenlosen Stadt spiegelt. Es ist ein trostloses Leben, dass der Film in sehr nüchternen Einstellungen zeigt. Ein Leben in einer abgehängten Region, die längst alle Hoffnungen aufgegeben hat. Als Kontrast durchbrechen immer wieder faszinierende Aufnahmen der ungestümen Landschaft Oregons die ansonsten sehr nah bei den Figuren verweilende Kameratechnik und ergänzen den Film damit um eine weitere Ebene.

Der Mensch als Eindringling in die Natur bleibt schwach und hilflos, wenn Jahrhunderte alte Mythen ihre Kraft entfalten. ANTLERS ist sich schlussendlich auch der Genre-Verortung bewusst und bietet wenige, aber hervorragend umgesetzte Body-Horror-Effekte und ein innovatives Creature-Design, das den mythologischen Überbau adäquat mitdenkt. Wer hier jedoch eine atemlose Monster-Hatz erwartet, ist aber sicherlich im falschen Film. Die Verfilmung der Kurzgeschichte von Nick Antosca ist eine stark gespielte Schauergeschichte, um Schuld und Sühne, Verlusterfahrungen und das Leid, das im verborgenen stattfindet und von viel zu vielen Menschen einfach ignoriert wird. Ein Film, der mit der weiblichen Hauptfigur aber auch Hoffnung stiftet. Einer Frau, die nicht wegschaut und die bereit ist dafür alles zu riskieren. Es sind diese Zwischentöne, die dem Film eine ungeahnte emotionale Wucht verleihen, die man im Genre-Kino dieser Tage leider viel zu selten zu spüren bekommt.











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