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AMER (Frankreich/Belgien 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. AMER
Laufzeit in Minuten. 90

Regie. HÉLÈNE CATTET . BRUNO FORZANI
Drehbuch. HÉLÈNE CATTET . BRUNO FORZANI
Musik. STELVIO CIPRIANI . ENNIO MORRICONE . BRUNO NICOLAI
Kamera. MANU DACOSSE
Schnitt. BERNARD BEETS
Darsteller. CASSANDRA FORÊT . CHARLOTTE EUGÈNE-GUIBEAUD . MARIE BOS . JEAN-MICHEL VOVK u.a.

Review Datum. 2010-08-29
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Urszenen eines Genres: Ein junges Mädchen huscht über die labyrinthischen Flure einer dunklen Villa und öffnet Türen. Hinter einer verbirgt sich eine verrückte Alte im Witwenkostüm, wohl die Oma, die mit gespreizten Fingern Jagd auf das Mädchen macht. Hinter einer anderen liegt die Leiche des Großvaters aufgebahrt, in den morschen Händen eine Taschenuhr, an der Wand ein goldenes Kruzifix. Hinter einer dritten vögeln die Eltern. Verbotene Blicke durchs Schlüsselloch: So werden Komplexe geboren. Das Mädchen reift zum schmollschnutig strähnchenkauenden Teenager, der bei einem Spaziergang auf eine Bande von Bikern wuschig wird und dafür von der Mutter eine geschallert kriegt. Als erwachsene Frau wird sie ins unterdessen verfallene Elternhaus zurückkehren; irgendwo wartet da eine Gestalt ganz in Leder, das Rasiermesser gezückt.

Im Grunde ist Sprache kein geeignetes Medium, um AMER gerecht zu werden. Selber kommt der Film nahezu ohne Worte aus, die skizzierte Handlung zerfließt tatsächlich in einen unablässig wirbelnden Strudel reiner Affektbilder: Augen (die vor allem!), Münder, Haare, Rockschöße, samtige Stoffe, wuchernde Pflanzen, Sonnenlicht, Meeresblau, Blutrot. Und gelb natürlich, Giallo. Die Farbe einer ganzen Filmgattung, für deren Verblassen zuletzt ihr einstiger Großmeister, Dario Argento, gesorgt hatte, wird jetzt von den Belgiern Hélène Cattet und Bruno Forzani so dick aufgetragen wie nie zuvor. AMER ist das Produkt einer Obsession, das sieht man dem Film im besten Sinne an: Zum Niederknien schön ist beinahe jede Einstellung, erstaunlich selten nur krampfhaft laboriert, wie man es sonst von postmodernen Such-den-Verweis-Spielchen gewohnt ist. Geradezu erotisch geladen die Textur des verwendeten Super16-Materials, eine Brailleschrift für Sehende. Ob solch ein Prisma der Sinnenreize zugleich einen über 90 Minuten funktionierenden Spielfilm abgeben kann, ist freilich eine andere Frage.

Zunächst einmal erteilt AMER eine durchaus interessante Lektion in Ikonografie. Demnach entsteht das Motiv-Inventar eines Genres nicht im Genre selbst, sondern unterm Brennglas der Nachbetrachtung, durch Selektion und fortschreitende Gärung. Cattets und Forzanis Umgang mit audiovisuellen Giallismen gerät zugleich exzessiv und minimalistisch: Einzelne Körperteile, Objekte, Farben werden durch hartnäckige Close-Ups zu Leitmetaphern verdichtet, charakteristische Geräusche - der Todeshauch im Sterbezimmer, das Knacken von Leder - auf der Tonspur isoliert bis zur musikalischen Abstraktion. Auch die pointenhafte Verwendung originaler Soundtrack-Exzerpte von Cipriani bis Morricone ist auf ihren bloßen Signalwert reduziert. AMER ist mitnichten eine Erneuerung des Giallo, sondern der phantasmatisch eingedickte Rest, der im Kopf übrig bleibt, wenn man sehr lange keinen gesehen hat.

Der hyperstilisierten Oberfläche entspricht narrativ nicht der klassische Whodunit voll idiotischer Twists, sondern eine Zurschaustellung blanker Subtexte. Dampfende Oversexedness, katholische Schuldneurosen, unterdrückte Gewalt und Fetische sonder Zahl (toll: mit der Zunge zum Klingen gebrachte Kammzinken) reichen sich die Hand zum Tanz. Neben vulgärpsychologischen Wurzeln legt AMER auch die ästhetischen Traditionslinien des Genres frei, vom Märchen über Gothic-Literatur und Surrealismus bis zu Hitchcock und Kenneth Anger. Darüber hinaus tut er, und das ist ein großes Problem des Films: nichts. Zieht keine Schlüsse, denkt nichts weiter, spinnt nichts fort. Aalt sich vielmehr in Referenzierungsgenügsamkeit. Sogar die in der Hauptfigur angelegte Gender-Umpolung zu Gunsten weiblicher Lust bleibt bloße Behauptung, die impressionistisch tuende Perspektive ist in Wahrheit exzentrisch, simpel gesprochen: deutlich mehr Titten als Sixpacks, unterm Strich.

Das andere, eigentlich noch größere Problem ist, dass Cattet und Forzani bei allem gestalterischen Pfiff nie wissen, wann Schluss ist. Eine geknallte Tür erschreckt, fünf geknallte Türen ergeben ein Muster, zwanzig nerven. Drei Minuten Hintergrundröcheln sind Atmosphäre, nach zehn wird man langsam bekloppt, usw. Wie bei einem Memory-Puzzle werden dieselben Spielkarten immer und immer wieder aufgedeckt, bis sich die schlimmste aller möglichen Assoziationen einstellt, die nämlich einer musealen Videoinstallation. Da gehört AMER nun wirklich nicht hin, er ist als waschechte Augenweide für die enormsten Leinwände überhaupt konzipiert. Dass aber auch die hungrigsten Augen vom Weiden mal satt sind, daran denkt er nicht. So ist das eben mit Liebeserklärungen: Indem man nichts sieht als das Objekt der Begierde, wird man für alles Weitere blind.











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