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A HOLE IN MY HEART (Schweden/Dänemark 2004)

von Thorsten Hanisch

Original Titel. ETT HAL I MITT HJÄRTA
Laufzeit in Minuten. 98

Regie. LUKAS MOODYSSON
Drehbuch. LUKAS MOODYSSON
Musik. nicht bekannt
Kamera. MALIN FORNANDER . JESPER KURLANDSKY . LUKAS MOODYSSON
Schnitt. MICHAL LESZCZYLOWSKI
Darsteller. THORSTEN FLINCK . BJÖRN ALMROTH . SANNA BRADING u.a.

Review Datum. 2005-08-09
Kinostart Deutschland. direct-to-video

Ehrlich: Respekt vor Lukas Moodysson. Wirklich. Hut ab! Wer nach Werken wie FUCKING ÅMÅL oder TOGETHER einen Film wie diesen auf sein Publikum loslässt, muss einfach Eier haben. Und zwar so richtig haarige, große, dicke Nüsse.
Moodysson präsentiert in seinem komplett auf DV gedrehten, minimalistischen (4 Personen, ein Handlungsort) Film einen Downer, nach dem man dringend das Bedürfnis hat zu duschen.

Rickard ist ein Loser. Durch und durch. Seine Frau ist tot, sein Sohn hasst ihn. Tagsüber hängt er mit Kumpel Geko, einem ebenso großen Versager, in der Wohnung ab. Meistens wird gezockt, Blödsinn geredet oder man dreht Amateurpornos mit Tess.
Tess ist 21 Jahre alt und träumt seit dem 12. Lebensjahr davon, Sexfilme zu drehen. Zu diesem Zweck hat sie sich eigens die Vagina verkleinern lassen.
Wenn nicht gerade gedreht wird, wird zur Euro-Dance-Mucke gefeiert, geblödelt oder gequatscht. Währendessen sitzt Sohn Eric in seinem abgedunkeltem Zimmer und hört Noise-Musik, sinniert über die Welt oder widmet sich seiner Würmer-Zucht.
Als Rickard und Geko eines Tages Tess beim Pornodreh mit Motorradhelm, Skimaske und Baseballschläger überraschen, wird das Trio vom zufälligerweise reinkommenden Eric gestört, was der völlig verängstigten Tess die Gelegenheit gibt, die Wohnung zu verlassen. Doch schon am nächsten Tag kehrt sie - mit jeder Menge zu essen und zu trinken - zurück, denn die Welt da draußen ist einfach zu langweilig. Auch Eric kann Tess nicht mehr dazu bewegen, zu gehen...

Was A HOLE IN MY HEART so erschreckend macht, sind wohl weitaus weniger die Aufnahmen von Vaginal- und Herzoperationen oder die zum Teil wüsten Sexpraktiken, sondern die völlige Erstarrtheit der Protagonisten.
Rickard ist ein fetter, schmieriger, aber auch hilfloser Mensch, der unter dem Hass seines Sohnes offensichtlich leidet, aber außerstande ist, die Beziehung auch nur annähernd zu verbessern. Stattdessen hört er lieber auf die dubiosen Erziehungsratschläge seines tumben Freund Gekos, der ihm rät, mit Eric doch zu seinem Schießplatz zu gehen oder Tess dazu überreden will, Eric mal ran zu lassen, damit dieser wenigstens einmal in seinem Leben einer Frau nahekommt.
Gekos einziger Stolz ist sein großer Schwanz, ansonsten spielt sich in seinem Kopf außer - vor allem gegen Frauen gerichteteter - latent vorhandener Aggression nicht viel ab. Diese Aggression ist - ebenso wie bei Rickard - offensichtlich Eckpfeiler einer verdrängten homosexuellen Ader, die Eric bezüglich Rickard zu einem späteren Zeitpunkt recht deutlich auf den Punkt bringt. Ansonsten ist Geko so fertig mit der Welt, dass er selbst beim Dreh einer Doppel-Penetrations-Szene einfach einschläft.
Tess ist jung, naiv, drogensüchtig und völlig unfähig, ein normales Leben zu führen, was sie auch wieder in die Arme von Rickard und Geko führt. Lieber die Leere des Lebens mit Saufen, Fressen, Drogen, perversem Sex (inkl. sich in den Mund kotzen lassen) füllen, als der eigenen Realität zu begegnen. Doch auch Eric, der zwar einen spleenigen, aber noch den vernünftigsten Eindruck macht, ist gefangen in seiner Gefühlswelt. Selbst als er langsam eine zarte Bande zu Tess knüpft, bleiben seine Rettungsversuche nur halbherzig.

Lukas Moodysson inszeniert die Geschichte um sein völlig desolates Grüppchen - trotz einiger heftiger Szenen - allerdings ohne in die sleazigen Altherren-Imaginationen eines Larry Clarke zu driften oder in die oftmals spätpubertären Gewaltphantasien eines Gaspar Noé zu verfallen.
Hier werden keine künstlichen oder völlig überzogenen Phantasie-Charaktere porträtiert, Rickard, Geko, Tess und Eric sind Menschen, die einem täglich in irgendwelchen Talkshows begegnen, oder im Supermarkt, oder auch schon in der Nachbarswohnung.

A HOLE IN MY HEART ist eine fordernder, brutaler, offener, ehrlicher und absolut niederschmetternder Film…und mit Abstand ein Gewinner auf ganzer Linie.











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