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72 STUNDEN - THE NEXT THREE DAYS (USA 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. THE NEXT THREE DAYS
Laufzeit in Minuten. 133

Regie. PAUL HAGGIS
Drehbuch. PAUL HAGGIS
Musik. DANNY ELFMAN
Kamera. STÉPHANE FONTAINE
Schnitt. JO FRANCIS
Darsteller. RUSSELL CROWE . ELIZABETH BANKS . LENNIE JAMES . OLIVIA WILDE u.a.

Review Datum. 2011-01-15
Kinostart Deutschland. 2011-01-20

Guter Vorsatz fürs neue Jahr: Nicht persönlich werden. In anderen Disziplinen schaffe ich es schließlich auch, zwischen Künstler und Werk rigoros zu trennen - warum also sollte ich einem Film die Narreteien seines Regisseurs anlasten? Paul Haggis, beispielsweise: Sein hohlbirniger Rassismus-Crashkurs L.A. CRASH sei ihm vergeben, seine kürzlich quittierte Scientology-Mitgliedschaft ist ohnehin Privatsache, und dass sein Name zufällig deckungsgleich ist mit dem widerlichsten Nationalgericht der Erde - da kann er nun wirklich nichts für. Reiner Tisch, neuer Film, neues Glück, THE NEXT THREE DAYS heißt er bzw., weil der Deutsche es gern etwas kleinkarierter hat, 72 STUNDEN.

Ganz so lang sitzt man zwischen Vor- und Abspann zwar nicht im Kinosessel, es kommt einem aber hin und wieder so vor. Dabei ist der Plot alles andere als kompliziert: Eine Frau kommt unschuldig in den Knast, ihr Mann will sie ausbrechen - ein ultrazugespitztes High-Concept-Programm, das die französische Vorlage POUR ELLE in anderthalb Stunden runterreißt. 72 STUNDEN dagegen benötigt opulente 133 Minuten; soll sich schließlich lohnen, wenn man schon Russell Crowe und Elizabeth Banks in den Hauptrollen gebucht hat. Toll sind die beiden in den ersten Szenen als heile Familie, er guckt dreitagebärtig über den Brillenrand, sie schenkt ihm eine Elektrozahnbürste, und vor der Tür sieht Pittsburgh aus wie eine richtige Stadt. Dann kreuzen die Bullen auf, das Kind fängt an zu weinen, und auf alle Ewigkeit vorbei ist's mit der leichten Muße.

Ein fataler Studio-Irrtum der letzten Jahre lautet, das Publikum akzeptiere keine Mischformen. Wechselbäder der Gefühle werden seither nicht mehr eingelassen, statt dessen badet jedes Genre schön diskret im eigenen Saft. Lachen im Krebsdrama, ich glaub' es hackt! 72 STUNDEN leidet unter diesem drakonischen Exklusivitätszwang, das Tragische kommt ins Töpfchen, das Komische ins Kröpfchen, und wenn doch mal ein Mundwinkel in die Höhe geht, dann nur aus Tapferkeit. So erklärt sich auch die geblähte Laufzeit: Die Schwere des ungerechten Schicksals muss spürbar gemacht werden als elegisch-breitärschige Dauer. Vor allem in der Mitte gleicht das Drehbuch einer sinnlos gestopften Gans, Hindernisse und Subplots noch und nöcher werden aufgefahren, was immerhin Anlass für ein paar hübsche Cameos bietet: Liam Neeson, Brian Dennehy und Daniel Stern geben sich die Ehre.

Niemals ist das vollends unansehnlich, niemals komplett für die Katz', dennoch: Drive ist was anderes. Permanent bremst der Film sich selber aus, gerinnt zur Ansammlung musikalischer Leerlaufsequenzen, in denen Crowe - selbst übrigens auch ziemlich aufgeschwemmt - zu Geige und Emopop Pläne an Wände zeichnet. Wenn im dritten Akt das Gaspedal endlich durchgetreten wird, ist es eine echte Befreiung, kompetentes Mitreißkino für immerhin 33 von 133 Minuten. Haggis mag kein Tony Scott sein, hat diesen Modus aber sichtlich flüssiger drauf als die Bresson-Aspirationen, die ihn während der Knastvisiten reiten: Tränen hinter der Plexiglasscheibe, und die zauberhafte Miss Banks muss sich von Mal zu Mal mehr Fett in die Haare schmieren. Ziemlich schäbig ist, nebenbei bemerkt, wie das Kind in solchen Szenen als Emotionsgenerator ausgeschlachtet wird, ansonsten aber fein die Klappe zu halten hat. Wenn nur dieser verdammte Neujahrsvorsatz nicht wäre: Ich würd's ja glatt dem Regisseur in die Schuhe schieben.











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