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360 (Großbritannien/Österreich/Frankreich/Brasilien 2011)

von Sandra Schröder

Original Titel. 360
Laufzeit in Minuten. 110

Regie. FERNANDO MEIRELLES
Drehbuch. PETER MORGAN
Musik. CIÇA MAREILLES
Kamera. ADRIANO GOLDMAN
Schnitt. DANIEL REZENDE
Darsteller. JUDE LAW. ANTHONY HOPKINS. RACHEL WEISZ. MORITZ BLEIBTREU u.a.

Review Datum. 2012-08-01
Kinostart Deutschland. 2012-08-16

Nur überzeugende Filmemacher schaffen es, die Produktion eines Episodenfilms durchzusetzen. Zu groß ist die Gefahr, die einzelnen Figuren nicht auserzählen zu können, sodass der Zuschauer keinen emotionalen Zugang zur Story findet. Ausnahmen bestätigen die Regel. 360 ist leider eines der schlechteren Beispiele für jenes Genre, da es genau hier anfängt zu schwächeln.

Erzählt werden Momentaufnahmen unterschiedlichster Charaktere, deren Handlung und Schicksal in irgendeiner Weise miteinander verwoben ist. Mirka (Lucia Siposová) ist der Anfangs- und Endpunkt der Erzählung. Sie möchte im Eskortservice ganz groß rauskommen und gerät an einen Zuhälter mit österreichischem Dialekt und schmierigem Pferdeschwanz. Das wird übrigens nicht das einzige Mal sein, dass sich der Film mehr oder weniger charmanter Klischees bedient und so eine authentische Gestaltung der Charaktere weitestgehend ausbleibt.

Mirkas erster Auftrag besteht darin, den englischen Geschäftsmann Michael Daly (Jude Law) in einem Wiener Hotel zu verführen. Der bricht die Verabredung spontan ab, als sich durch Zufall am vereinbarten Treffpunkt an der Bar auch einige seiner Geschäftspartner einfinden und die empfindliche Situation stören. Nach der Geschäftsreise kehrt Michael also mit schlechtem Gewissen zu seiner Ehefrau Rose (Rachel Weisz) nach London zurück. Die einsame und vernachlässigte Frau hat in der Zwischenzeit allerdings selbst eine Affäre mit dem brasilianischen Fotografen Rui (Juliano Cazarré) begonnen. Auch er hat eine Freundin, Laura (Maria Flor), die ihn allerdings beschatten lässt. Als sie die Beweise dafür in den Händen hält, beschließt sie, Rui zu verlassen und in ihre Heimat Brasilien zurück zu kehren.

So wird im Laufe der Handlung deutlich, dass alle Charaktere in einer Beziehung miteinander stehen. Die Verknüpfungen folgen keinem bestimmten Muster, allerdings geht es oft um Sex, Liebe, Familie und Vertrautheit. Vertrauen ist dabei ein gutes Stichwort, denn vertrauen mag man keiner der Figuren so richtig. Sie bleiben die ganze Zeit über auf Distanz. Die visuelle Gestaltung unterstreicht dies: in besonders gefühlvollen Momenten wird nur ihr Spiegelbild gezeigt. Diese Bildkonstruktion zieht sich durch den ganzen Film. Alles wirkt gläsern, gespiegelt und trist.
Auch bestimmen die Figuren oft nicht selbst, sondern ein unglücklicher oder auch glücklicher Zufall zwingt sie zu einer Entscheidung. Ein Beispiel ist das geplatzte Date von Michael und Mirka, was ein deutscher Geschäftsmann (Moritz Bleibtreu) verschuldet. Dies erschwert es, die Charaktere greifen zu können.

Durch die fehlende Identifikation mit den Figuren beginnt dann der Film etwas langatmig zu werden. Gerade im richtigen Moment erscheint Anthony Hopkins auf der Leinwand. Er spielt einen älteren Mann, der seine Tochter sucht. Sie ist seit Jahren vermisst und wahrscheinlich ermordet worden - so vermutet zumindest die Polizei. In einer Selbsthilfegruppe hält er einen rührenden Monolog, der zum ersten Mal den Zuschauer aufhorchen und mitfühlen lässt. Seine Wege kreuzen sich mit Laura und dem Sexualstraftäter Tyler (Ben Foster). Durch die fein inszenierten Einblicke in die Gefühlswelt des gerade entlassenen Strafgefangenen Tyler und seiner Begegnung mit der naiven und verletzlichen Laura beginnt es ab hier wirklich spannend zu werden.

Im Gegensatz dazu stehen wieder viele der anderen Episoden. Manche kommen nicht zum Abschluss, laufen ins Leere oder man wird als Zuschauer vor vollendete Tatsachen gestellt, deren Entwicklung man gar nicht mitverfolgen durfte und daher als unglaubwürdig erlebt. So gibt es einen Augenblick, in dem Rose Michael offensichtlich als guten Vater empfindet. Dies scheint der Moment zu sein, in dem sie sich dazu entschließt, mit ihm zusammen zu bleiben. Dass die Beiden noch am Vorabend zusammen im Bett liegen und auf tragische Weise an den Bedürfnissen des anderen vorbeireden, ist schnell vergessen. Hier dürstet es eben nach einer Entwicklung, die aber völlig unsichtbar bleibt.

Ja, so ist sie nunmal, die Welt von 360. Sie ist in den gleichen graublauen Farben gemalt, wie es das echte Leben auch manchmal ist. Aber die knallharte Realität, die man vom Regisseur Fernando Mareilles aus CITY OF GOD gewohnt ist, wirkt aber dennoch sehr fern. Hier transportiert der russische Großkriminelle eine Stange Bargeld im Aktenkoffer, eine resolute Slowakin möchte sich des großen Geldes wegen prostituieren und ihre Schwester träumt sich mit Hilfe von Büchern aus ihrer grausamen Welt. Man muss das Rad nicht neu erfinden, aber man muss trotzdem originell dabei sein.

360 ist ein solider Episodenfilm, der trotz seines Staraufgebots über weite Strecken hinter den Erwartungen bleibt. Dennoch hat er den ein oder anderen schönen Moment zu bieten. Wer also nicht allzu böse ist, wenn nicht jeder Konflikt auserzählt wird und sich für die Thematik interessiert, ist hier nicht komplett falsch.











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