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12 YEARS A SLAVE (USA/Großbritannien 2013)

von Florian Lieb

Original Titel. 12 YEARS A SLAVE
Laufzeit in Minuten. 133

Regie. STEVE MCQUEEN
Drehbuch. JOHN RIDLEY
Musik. HANS ZIMMER
Kamera. SEAN BOBBITT
Schnitt. JOE WALKER
Darsteller. CHIWETEL EJIOFUR . MICHAEL FASSBENDER . BENEDICT CUMBERBATCH . PAUL DANO u.a.

Review Datum. 2013-10-26
Kinostart Deutschland. 2014-01-23

Es ist eine Unart von Filmen, sich dort, wo es der Fall ist, mit der Ankündigung einzuleiten, das was man im Begriff ist zu sehen, auf "wahren Begebenheiten" basiere. Eine emotionale Manipulation, soll so eine vertiefte Sympathie zur Geschichte herbeigeführt werden, zu der diese andernfalls nicht im Stande wäre? Es sind dann natürlich solche Filme, die weniger Fiktionales als Real-Historisches erzählen, die jährlich für die Shortlist der Academy Awards berücksichtigt werden dürften. Oscar Bait nennt man dabei Filme, die zumeist Ende des Jahres kurz vor dem Nominierungsprozess veröffentlicht werden - andernfalls sind sie zu lang aus dem Gedächtnis - und gerne mit pathetischen Geschichten hausieren gehen. Und was eignet sich da besser, als die Geschichte eines freien Afroamerikaners im 19. Jahrhundert, der für zwölf Jahre in die Sklaverei verkauft wurde? Nach wahren Begebenheiten.

Solomon Northup hieß jener Mann, der 1841 im Bundesstaat New York unter falschem Vorwand nach Washington D.C. gelockt wurde, wo Sklaverei immer noch legal war und Northup kurzerhand entführt und an einen Sklavenhändler verkauft wurde. En route nach New Orleans wusste niemand von Northups Familie, wo sich dieser aufhielt. In den folgenden zwölf Jahren musste dieser dann auf verschiedenen Plantagen arbeiten, mal unter mehr, mal unter weniger grausamen Besitzern, ehe er einen Brief in die Heimat schicken und seine Freiheit zurückgewinnen konnte. Welch überlebensgroße Geschichte, die von Steve McQueen in 12 YEARS A SLAVE nun mit namhafter Starbesetzung umgesetzt wurde und den Publikumspreis beim Toronto International Film Festival gewann, seines Zeichens meist ein Indikator für Filme im Scheinwerferlicht der darauffolgenden Oscarverleihung.

Filme im US-amerikanischen Kontext erfahren dort zumeist Berücksichtigung, dieser wird sicherlich dazugehören. Ob dies zu Recht der Fall ist, darf diskutiert werden, ist 12 YEARS A SLAVE streckenweise doch nur eine neuere Variante von Mel Gibsons DIE PASSION CHRISTI. Hier wie da darf der Zuschauer in einer Szene bei der lasziven Auspeitschung einer Figur zusehen und sich denken "Ja, so war das damals", während das Blut spritzt und das Fleisch schmatzt. Geschichtsunterricht mit dem Holzhammer, der dadurch nicht erträglicher wird, wenn Michael Fassbender in jedem Satz das Wörtchen "Nigger" unterbringt, während ihm der Geifer vom Kiefer tropft. Emotionalität ist in diesem Film durchweg gekünstelt, nicht zuletzt weil weder das Drehbuch noch das Ensemble im Stande sind, sie wirklich entsprechend zu transferieren. Dramatisch ist die Handlung, das weiß man. Nur merkt man es nicht.

Es hilft da wenig, dass Chiwetel Ejiofur die meiste Zeit nur bedröppelt in die Kamera schaut, dabei Tränen oder Schweiß das Gesicht herunterlaufend. Michael Fassbender als Northups letzter Besitzer spuckt und speit sich durch die Handlung, Paul Giamatti als Sklavenhändler lächelt schmierig und Benedict Cumberbatch als Northups erster Besitzer verliert sich in seinen leblosen Puppenaugen sowie blassem Antlitz. "Saturday Night Live"-Comedian Taran Killam gibt eine leicht tuntige Hälfte des ursprünglichen Kidnapper-Duos, Scoot McNairy mit seinen großen Äuglein die andere. Paul Dano spielt einen verschwitzten Un-, Brad Pitt einen kanadischen Gutmenschen. Dazwischen darf die im Vorjahr nominierte Quvenzhané Wallis kurz "Daddy" fipsen, Michael K. Williams böse Blicke werfen und Alfre Woodard ihr Lächeln strapazieren. Wirklich im Gedächtnis bleibt einem lediglich Lupita Nyong'o als Sklavin Patsey.

Ihr Name ist vermutlich nicht von ungefähr gewählt, macht ihre Figur doch - zumindest auf der Leinwand - weitaus mehr durch als Ejiofurs violinenspielender Protagonist. Nyong'o ist die einträglichste Arbeiterin in Fassbenders Baumwollplantage, wird von ihm aber eher wegen anderer Dinge in seinen nächtlichen Besuchen geschätzt. Dies wiederum bringt das Mädchen in Missgunst bei der von Sarah Paulson leblos gespielten Gattin des Sklaventreibers. Im Gegensatz zu Northup kann der Zuschauer Patseys Leiden wirklich sehen, allen voran in einer flehenden Szene während eines nächtlichen Besuchs. Oftmals wünscht man sich, 12 YEARS A SLAVE würde sich weniger um Northup scheren, denn um Patsey. Zumindest würde der Film davon profitieren. Denn Northup bleibt dem Publikum so fremd wie fern - und seine Leiden ebenso. Dass er zwölf Jahre ein Sklavendasein führt, verrät nur der Titel.

Ein Gefühl für Zeit existiert im Film nämlich nicht. Wüsste man es nicht besser, die Handlung könnte sich innerhalb von ein paar Monaten abspielen. Zwar versucht McQueen die "wahren Begebenheiten" aufzugreifen, viel davon, wie die problematische Beziehung zwischen Northup und Paul Danos Zimmermann, geht jedoch verloren. Stattdessen plätschert der Film vor sich hin, ist dabei nie wirklich schlecht, aber eben auch nie wirklich gut. Die Handlung des Films ist weniger interessant als die tatsächlichen Ereignisse, wenn man jedoch mehr die Art Direction und das Production Design statt der Dramaturgie und dem Ensemble bewundert, fehlt etwas. Echte Freude, wenn Northup am Ende die Plantage verlässt, will sich ebenfalls nicht einstellen - ein Sklave erhält seine Freiheit, ein Dutzend anderer bleibt dagegen zurück. Schnitt, nächste Szene.

Derweil dringt aus den Boxen die säuselige Musik von Hans Zimmer, dessen Theme - so nett es klingt - auf Dauer penetrant wirkt. 12 YEARS A SLAVE ist erwartungsgemäß durchweg anbiedernd und ziemlich frei, was die Wiedergabe der "wahren Begebenheiten" angeht. Ein erster Brief von Northup während seiner Überfahrt nach New Orleans wird ausgespart, ein paar andere seiner Besitzer ebenso. Wirklich klar werden will nicht, wieso es zwölf Jahre gebraucht hat, ehe der Afroamerikaner einen Brief entsenden konnte. "Ich will nicht überleben, ich will leben", herrscht Ejiofur im ersten Akt einen anderen Sklaven an - zwei Stunden lang lässt er seinen Worten aber keine Taten folgen. Pathetisch genug für ein halbes Dutzend Oscarnominierungen ist das Endergebnis dennoch allemal.











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