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KAPITELWAHL

DIE WILDGÄNSE KOMMEN (Großbritannien 1978)

von Hasko Baumann

Original Titel. THE WILD GEESE
Laufzeit in Minuten. 129

Regie. ANDREW V. MCLAGLEN
Drehbuch. REGINALD ROSE
Musik. ROY BUDD
Kamera. JACK HILDYARD
Schnitt. JOHN GLEN
Darsteller. RICHARD BURTON . RICHARD HARRIS . ROGER MOORE . HARDY KRÜGER u.a.

Review Datum. 2007-07-22
Erscheinungsdatum. 2007-04-26
Vertrieb. E-M-S

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ENGLISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Klassiker. So richtig will einem das Wort nicht von der Hand gehen. Wieso eigentlich nicht? DIE WILDGÄNSE KOMMEN war 1978 ein gigantischer Hit. Allein in Deutschland wollten fast vier Millionen Zuschauer knallharte Söldner-Action im Kino sehen. Noch bis in die frühen 80er ließ sich jede Sonntagsnachmittagsvorstellung mit diesen Knüller restlos ausverkaufen. Die Besetzung läßt den Atem stocken: Zu den berüchtigten Schnapsnasen Burton und Harris kamen der damals aktuelle 007 Roger Moore sowie unser Hardy Krüger und der gute alte Old Surehand Stewart Granger. Auf dem Regiestuhl Andrew V. McLaglen, Veteran zahlreicher Western mit James Stewart und John Wayne; am Schnittpult John Glen, später Regisseur von fünf James Bond-Filmen; die (zugegebenermaßen scheußliche) Musik übernahm Roy GET CARTER Budd. Und dazu noch eine Produktionsgeschichte voller Probleme, wie sie nur Klassiker für sich beanspruchen können.

Produzent Euan Lloyd war nach der Lektüre des Buches "The Thin White Line" von Daniel Carney so versessen auf eine Verfilmung, daß er sein Auto und die Juwelen und Pelzmäntel seiner Frau verkaufte sowie sein Haus mit einer Hypothek belastete, um den Film überhaupt pitchen zu können. United Artists wollte Michael Winner als Regisseur - das wäre sicherlich auch ein sehr interessanter Film geworden - und Burt Lancaster in der Richard Harris-Rolle. Die amerikanischen Investoren schlugen O.J. Simpson statt Roger Moore vor, Curd Jürgens sollte ursprünglich statt Hardy Krüger spielen, und Stewart Granger ersetzte in letzter Minute Joseph Cotten. Als die Besetzung stand, sah Euan Lloyd weiteren Ärger nahen: Aus Angst vor Saufgelagen von Harris und Burton sperrte Lloyd Harris' Gage zur Hälfte, um eventuelle Schäden abzuziehen können. Angeblich blieben Harris und Burton während des Drehs trocken.

Auch die Handlung stellte ein heißes Eisen dar: Die Söldnertruppe rund um Richard Burton hat den Auftrag, mit einer 50 Mann starken Privatarmee einen Diplomaten in Afrika aus den Händen von Rebellen zu befreien. Die damals noch weiße Regierung genehmigte die Dreharbeiten in Südafrika, was bei der Premiere des Films die Apartheid-Gegner auf den Plan rief. Sie protestierten auch gegen die rassisitische Darstellung der Schwarzafrikaner im Film - den sie allerdings noch gar nicht gesehen hatten. Euan Lloyd ließ Kopien der positiven Kritiken in der Soweto Times als Flugblätter verteilen, welche jedoch von den Demonstranten ungelesen weggeworfen wurden. Zu allem Überfluß ging die amerikanische Produktionsfirma Allied Artists vorm Kinostart pleite, so daß ausgerechnet in den USA kein lausiger Dollar eingespielt wurde.

Der Film selbst erstaunt mit dem Bild, das er von sich selbst hat: Ein trauriges, mit wilden Harmonien komponiertes Titellied von Joan Armatrading und Bilder des armen Afrika stellen den Vorspann dar. Richard Harris darf als afrikaliebender, superliberaler Söldner das gute Gewissen geben, Roger Moore brilliert in seiner Paraderolle als ethisch einwandfreier Action-Snob und läßt verhaßte Drogendealer elendig verrecken, und Hardy Krüger beschimpft den befreiten Diplomaten unentwegt als "Kaffer", bis er sich, zum Menschenfreund bekehrt, beherzt für das Gute in den Kugelhagel wirft. Diese zwar mit Nachdruck vorgetragene, aber angesichts des Geballers doch nur behauptete "Botschaft" des Films schuf die Blaupause für die mit dem ganz kleinen Gewürzstreuer nachgesalzenen Ethno-Elemente all der Söldnerfilme, die folgen sollten. Und für einen Klassiker ist das einfach zu aufgesetzt.

Unterm Strich bleibt ein knackiger Actionfilm mit ausgezeichneten Darstellern und einer bemerkenswert ungeschönten Brutalität. Hat man sich einmal damit abgefunden, daß die Action hier von 50jährigen Herren absolviert wird - Jack Watson als Ausbilder Sandy war zu diesem Zeitpunkt sogar schon 62! - genießt man diesen nostalgischen Trip in eine Zeit, als es noch Filme gab, die ausschließlich für große Jungs gemacht wurden. Tatsächlich gelingt es DIE WILDGÄNSE KOMMEN sogar, emotionale Fallhöhe aufzubauen. Wo Frauen bei PRETTY WOMAN glücklich heulen, drücken wir Männer die Tränen weg, wenn Richard Burton verzweifelt die Hand aus der Flugzeugtür streckt und seine Augen feucht werden, als er seinen Schmerz hinausschreit. Das tut weh. Jawohl!

DVD.
In einer großartigen 2 DVD-Special Edition beschert und E-M-S diesen Film. Das Bild sieht toll aus, der deutsche Ton mit seiner vorzüglichen Feststimmen-Synchro klingt gut, der Originalton liegt sogar in Stereo vor. Auf der zweiten DVD gibt es dann sagenhafte 3 Stunden Bonusmaterial: Eine Dokumentation würdigt Euan Lloyd als "Last of the Gentleman Producers". Dabei darf auch Sir Roger Moore mit machen. Gerade er zeigt sich noch heute irritiert über die Proteste gegen den Film, was diesem edlen Kämpfer für das Gute wohl auch keiner verhehlen kann. Ein altes Making Of zeigt die wilden Gänse beim Dreh. Davon gibt es zusätzlich eine etwas kürzere deutsche Version. Besonders schön ist der siebenminütige Bericht von der Londoner Premiere, wo die Stars mit jungen Frauen Einzug halten. Ein 40minütiger Radiobeitrag kann wunderbar beim Putzen der Wohunng erhellen. Dazu kommen schöne Artworkbeispiele und Aushangfotos sowie Trailer. Für Nostalgiker hat man die alte deutsche Super 8-Fassung, die aber auch als Anschauungsmaterial interessant ist: Wie kürze ich einen Film um mehr als die Hälfte und erhalte seine Essenz? Gar njcht, muß die Antwort lauten. Ein sehr launiger Audiokommentar von Moore, Lloyd und dem schon von den Bond-DVDs als coole Sau vertrauten John Glen macht dann nochmal die Ohren froh. Ganz klar: Dies ist eine der tollsten Veröffentlichungen des Jahres.








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